Im Ashram in Indien: Über den Alltag und die völlige Ruhe

Langsam erhebt sich der orange Sonnenball über die weite Steppe und macht die schwarze Nacht zum Tage. Vogelgezwitscher, Pfauenschreie, vom nahe gelegenen Hanumantempel ertönt Glockengeläut. Während wir mit geschlossenen Augen im gedrehten Dreieck stehen und uns dabei auf unseren fließenden Atem konzentrieren, spüren wir die ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf unseren Gesichtern, die schon jetzt, um 6 Uhr morgens, einen weiteren heißen Tag ankündigen.

Unsere kleine Gruppe befindet sich mitten in der Wüste Rajasthans, Indien.

Ashram-in-Indien-Rajasthan-2

Hier, in unserem kleinen Ashram, scheint die Welt noch in Ordnung. Während wir auf der Yogaterrasse in den Tag mit Asanas und Pranayama starten, fegen einige indische Frauen in bunten Gewändern sehr meditativ Strich für Strich den Tempelkomplex und Kühe schreiten gemächlich über das Ashramgelände. Nach der wohltuenden Yogastunde wird gefrühstückt. Zusammen sitzen wir im Speisesaal, jeder vor seinem eigenen kleinem Tischchen mit frischem Obst, Tee und einen kleinen Schälchen gefüllt mit einem leckeren Brei, bestehend aus Reis, grünen Linsen, etwas Salz und Ghee, der sogenannte Kichidi! Nachdem wir uns mit einem kleinen Gebet für die Speisen bedanken, nehmen wir die Geschmacksvielfalt, der doch eigentlich so simplen Gerichte, besonders intensiv war.

Ashram in Indien Mahlzeiten

1Ahram in Indien: Ayurveda Anwendungen

Ashram in Indien Ayurveda Anwendungen

Unsere Ayurveda Anwendungen sind auf den Vormittag gelegt. Nach den Konsultationen mit einem Ayurveda Arzt am ersten Tag, wurde für uns ein jeweils auf uns und unsere Dosha Typen angepasstes Programm erstellt. Die Stirngüsse, Massagen und Kräuterstempel sollen nicht nur unsere Leiden bekämpfen, sondern sind gleichzeitig sehr wohltuend und wirken entspannend.

Gut geschulte Hände massieren sanft das Öl in die Haut, wohlklingende Mantras durchdringen die kleine Ayurveda Oase und ständig werden wir mit erfrischenden Kräutertees versorgt.

2Ahram in Indien: Karma Yoga Aktivitäten

Mittlerweile wird es immer wärmer, doch diejenigen unter uns, die noch vor dem Mittagessen Energie verspüren, beteiligen sich an Karma Yoga Arbeiten. Als Gäste des Ashrams ist Karma Yoga kein „Muss“, doch nicht wenige von uns haben Lust an etwas selbstloser Tätigkeit. Besonders die Kinder haben es uns angetan und da gerade Ferien sind, Malen, Spielen und Basteln wir mit ihnen.

Ashram in Indien Mit Nani wilde Beeren pflücken

Die Kinder laden uns im Gegenzug zu sich nach Hause ein und wir bekommen einen kleinen Einblick in den Alltag einer rajasthanischen Familie, die hier noch überwiegend von der Feldarbeit lebt. Die Frauen zeigen uns, wie man aus Milch erst Joghurt, dann Buttermilch und zum Schluss das wertvolle Ghee macht, mit den Kindern formen wir aus dem Kuhmist kleine Fladen. Nach dem Trocknen werden diese später als Brennmaterial genutzt. Die Männer zeigen uns stolz ihren Pflug, der hinter die Kühe gespannt wird, wenn es Zei,wird die Hirse und Weizenpfelder zu bearbeiten. Hier wird tatsächlich noch einmal deutlich, warum die Kuh in Indien heilig ist! Als fester Bestandteil der Familie wird sie gut gehegt und gepflegt, denn schließlich sind alle von ihr abhängig.

Ashram in Indien Bei den heiligen Kühen

In Rajasthan gibt es so gut wie keinen Niederschlag und dementsprechend wenig Gemüse und keinen Reis, der zuviel Wasser benötigt. Die Menschen hier sind an die Trockenheit angepasst, essen viele Gerichte, die aus Milch, Linsen und Getreideprodukten zubereitet werden oder pflücken wilde Beeren von den dornigen Sträuchern, die hier überall wachsen. Ich selbst ziehe mit Dadi, der Großmutter der Kinder, los und sammle die kleinen Kügelchen, die später zunächst in Salzwasser eingeweicht und dann zu einer köstlichen herzhaften Speise zubereitet werden.

3Ahram in Indien: Mittagessen ist das Festessen

12:00 Uhr gibt es das Mittagessen. Hier im Ashram ist es die umfangreichste Mahlzeit. Neben den wilden Beeren, selbstgemachten Jogurt und frischem Gemüse, gibt es auch oft einen leckeren Salat dazu. Gemüse und ayurvedische Heilkräuter kommen direkt aus dem Ashrameigenen Garten, der in liebervoller Arbeit von den Ashrambewohnern gehegt und gepflegt wird. Ramu ji, ehemaliger Soldat und nun festes Mitglied der Ashram Familie, ist sehr stolz auf den gut angelegten Garten und präsentiert uns oft Eimer gefüllt mit Auberginen, Okraschoten und Frühlingszwiebeln. Als sättigende Beilage gibt es Sogra, ein im Feuer gebackenes Hirsebrot, das mit einem Löffelchen Ghee ganz besonders gut schmeckt.

Ashram in Indien Ashram

Nun ist die heißeste Zeit des Tages und alle ziehen sich zurück in ihre Unterkünfte ,um ein wenig zu ruhen.
Einige von uns gönnen sich auch am Nachmittag Anwendungen in der Ayurveda Oase. Neben den typischen Ayurveda Behandlungen, werden auch wohltuende Gesichtsanwendungen mit natürlichen Masken und Peelings angeboten, sowie Maniküre/Pediküre und Thai Yoga Massagen. Nach einer kleinen Teepause geht es in die Yogahalle zur Nachmittagsyoga Stunde.

3Ahram in Indien: Hintergrundinfo

Zum Ashram kommen regelmäßig Freiwillige aus allen Teilen der Welt um ihre spirituelle Praxis zu vertiefen, Indien kennenzulernen und Karmayoga zu praktizieren. Viele von ihnen sind zudem ausgebildete Yogalehrer, sodass wir uns täglich an einem breitgefächerten Yogaprogramm erfreuen können.

Neben klassischen Hatha Yoga und Shivananda Stunden, gibt es Ashtanga Yoga, Yoga Flow und wir bekommen sogar einen kleinen Einblick in Kundalini Yoga und Yoga Theraphie.

Ashram in Indien Tempel im Ashram

Selbst der Guru dieses Ashrams, Surajnath ji, unterrichtet uns im klassichen Yoga, leitet uns in Yoga Nidra an und führt durch Meditationen. Surajnath ist der dreizehnte Guru der Shri Jasnath Tradition, die sich auf den Yoga Gott Shiva zurückführen lässt. Der jetzige Guru war Schüler des vorherigen Gurus und wurde von diesem zum Nachfolger ernannt, leitet den Ashram nun und ist spirituelles Oberhaupt. Täglich pilgern seine Anhänger aus vielen Teilen Westindiens zu dem kleinen Ashram um den wichtigen Tempelkomplex innerhalb der Mauern des Ashrams zu besuchen und Guru ji ehre zu erweisen.

Das Ashramgelände selbst befindet sich auf einem burgartigen Gelände, welches dem zweiten Guru der Shrijasnath Tradition vor 500 Jahren aus Dankbarkeit von dem König aus Udaipur geschenkt wurde. Hier im Shri Jasnath Ashram wird der Yoga der Hingabe und Liebe (Bhakti) und der Tätigkeit (Karma) praktiziert. Die Ashrambewohner verbringen ihren Tag mit körperlicher Arbeit in der Küche, dem Garten oder beim putzen und treffen sich alle nach Sonnenuntergang im Tempel zur Feuerzeremonie. Nach dem Abendessen werden gemeinsam Mantras gechantet und Khirtan gesungen. Im Anschluss findet ein Satsang mit Guru ji statt. Hier können Fragen gestellt werden oder Guru ji gibt Hinweise zu spirituellen Praktiken und Yoga.

Die Nächte hier werden für uns nie lang, auch weil es schnell dunkel und somit etwas kühler wird. Früh geht es für einen erholsamen Schlaf in die Betten, denn schon vor den nächsten Sonnenaufgang starten wir in den nächsten Tag. Ein wahres friedliches Leben hier im Ashram. Die zwei Wochen tuen uns gut, stärken unser Wohlbefinden und wir schaffen es, den Fokus wieder in unser Inneres zu lenken. Die Yogastunden sind motivierend, die Ayurvedaanwendungen heilend und der geregelte Alltag und die nette Ashramgemeinde tragen ihr übriges dazu bei, dass wir uns schon schnell als Teil der Gemeinschaft sehen.

Ashram in Indien Ausflug Jodhpur

Hin und wieder unternehmen wir Ausflüge auf Kamelen in die Wüste mit Übernachtung im Wüstencamp, begleiten Guru ji auf eine seiner Jagran (hinduistische Rituale mit heiligen Gesängen und Tänzen) oder besuchen sehenswerte Städte wie Jodhpur, um etwas Kultur zu erfahren und auf den bunten Märkten Stoffe, Gewürze und andere Mitbringsel zu erwerben. Doch auch wenn wir diese Ausflüge außerhalb des Ashrams sehr genießen, freuen wir uns doch, wieder zum Ashram zurückkehren zu können, welcher für kurze Zeit schnell zu unserem Zuhause geworden ist.

Sarah Appelt

Sarah Appelt lebt und arbeitet seit 4 Jahren in Indien als Yogalehrerin und Reiseveranstalterin für Erlebnisreisen auf dem Subkontinent. Hoch oben im indischen Himalaya organisiert sie vorwiegend Trekking-, Mountainbiking- und Yogareisen. Außerdem unterrichtet sie auch Yoga, den sie immer wieder auf Ausbildungen und Aufenthalten in indischen Ashrams vertieft. Auf ihrem Indien-Blog Chalo Reisen (www.chalo-reisen.de/indien-blog/) schreibt sie über ihr Leben vor Ort, gibt Reisetipps und informiert über Yoga, Outdoor-Reisen und die indische Kultur.

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