Der Blick im Yoga: 8 Ashtanga Drishti für die Yoga-Praxis

Der Blick im Yoga Drishti

Wir Menschen nehmen die Welt hauptsächlich mit unserem Sehsinn war.

Visuelle Reize begleiten uns von dem ersten Blinzeln am Morgen bis in die späten Abendstunden – mitunter durchgehend: Stundenlange Arbeit am Laptop, regelmäßige Checks am Smartphone oder der konstante Fokus auf die Autostraße prägen den Alltag.

Selbst bei feinmotorischen Arbeiten lassen wir uns eher von unserem Sehsinn leiten als von unseren taktilen Fähigkeiten. Entspannt wird dann bei einem Film oder einer Lektüre.

Wenn die Augen dabei keine Auszeit bekommen wird der Blick starr, die Augen trocken, der Nacken verspannt sich und man wird müde. Zwischendurch einfach mal die Augen zu schließen läge zwar auf der Hand, eine wirkliche Auszeit gönnen wir ihnen aber meist erst im Schlaf.

Der Augen-Marathon macht auch vor der Yoga Stunde nicht halt: Der Blick schweift von einem zum nächsten – vom Staubkorn auf dem Boden bis zur Frisur der Yogalehrerin. Wir scheinen süchtig nach dieser Art von Zerstreuung! Dabei gäbe es viel spannendere, wichtigere Erfahrungen zu machen als jene Äußerlichkeiten, von denen wir im Alltag wirklich bereits genug haben.

Gönne deinen Augen zwischendurch eine Pause und räume deinen anderen Sinnen mehr Vertrauen ein. Du gewinnst dadurch eine tiefere Wahrnehmung im Innen und Außen, die du für deine Reflexion und Intuition nutzen kannst.

Drishti
Quelle: Flickr

Mach‘ mal Pause!

Das ist nicht nur eine Headline, es ist vielmehr ein Aufruf: Mach’ mal Pause. Halte einen Moment inne und finde die Leere in der Weite. Schließe deine Lider und lasse deine Augäpfel schwer sinken. Spüre die feinen Muskeln um deine Augen und lasse alle Spannung los. Seufze, lache, gähne … genieße es einfach zu sein!

Jetzt!

Für eine erschreckende Mehrheit ist dieses Loslassen eine große Herausforderung. Ich war selbst verleitet schnell mal meine E-Mails zu checken. Wie lange hast du durchgehalten?

Der Blick für das Wesentliche

Kennst du folgendes Szenario?

Du möchtest dich auf deine Arbeit konzentrieren, der Blick ist fest fokussiert, zumindest einen Moment lang. Und plötzlich wandern deine Augen in die Ferne und mit ihnen deine Gedanken.

Selbes Prinzip, anderer Schauplatz: Du bist auf der Yoga Matte und suchst Ausgeglichenheit und Entspannung. Beim ersten herabschauenden Hund findest du stattdessen einen Fussel zwischen deinen Zehen. Auf meinem Yoga Weg habe ich bereits zahlreiche Fussel beiseite gefegt… Ausgeglichenheit und Entspannung war darunter aber noch nie versteckt.

Wenn deine Augen wandern, wandert auch deine Aufmerksamkeit.

Von einem Fussel zum nächsten, bis zur Nachbarin und auf die Uhr. Bam! Lass uns den Tatsachen ins Auge sehen: Diese Banalitäten sind eine Flucht, um nicht genau hinsehen zu müssen. Wer weiß, was da unter der Oberfläche versteckt ist?

Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.
Christian Morgenstern

Drishti
Quelle: Flickr

Dass der Mensch so tickt bewies die Wiederwahl von George W. Bush 2004: „Take the evil you know“ lautete der Tenor der Amerikaner. Lieber einen Präsidenten, bei dem wir wissen, worauf wir uns einlassen, als einen, der noch mehr Blödsinn anrichtet.

Wir wollen ganz einfach nicht um Dunkel stehen. Die schwarze Nacht macht Angst (nicht nur den Kanadiern).

Drishti bringt Licht ins Dunkle

Das Wort Drishti stammt aus dem Sanskrit. Es ist ein Werkzeug des Yoga, um der potentiellen Ablenkung des Sehsinns vorzubeugen. Dafür richtet man die Augen – geöffnet oder geschlossen – auf einen Konzentrationspunkt. Die Augenmuskeln sind entspannt, der Blick ist weich.

Soften your focus to send your attention beyond outer appearance to inner essence.
David Life


Photo ©2012 Guzman

 
Dass das Gehirn gerne auch einmal etwas dazu erfindet bestätigt auch die Wissenschaft. Wer neugierig ist, kann sich dieses Video ansehen. Die einstündige Dokumentation beantwortet die Frage: Ist das Leben nur eine Illusion?

In der Ashtanga Yoga Praxis wird besonders viel Wert auf Drishti gelegt. Jeder Yoga Asana ist eines von neun Drishti zugeordnet.

Ashtanga Drishti im Überblick

Position DeutschPosition SanskritFokuspunktDrishti
Heraufschauender HundUrdhva Mukha Svanasana NasenspitzeNasagrai Drishti
FischMatsyasanaStirnNaitrayohmadya Drishti
Herabschauender HundAdho Mukha SvanasanaNabelNabi Chakra Drishti
DreieckTrikonasanaHandHastagrai Drishti
Vorbeuge im SitzenPashimotanasanaGroßzehePahayoragrai Drishti
BergUrdhva HastasanaDaumenAngusta Ma Dyai Drishti
Krieger IVirabhadrasana Inach oben (in die Weite)Urdhva Drishti

Drishti: Drishti schenkt Fokus und beeinflusst – richtig eingesetzt – die Ausrichtung der Halswirbelsäule positiv. Drishti soll uns helfen, über unsere äußeren Umstände hinwegzusehen und die innere Wahrheit unter all den Illusionen zu finden.

Ashtanga Dristhi
Quelle: Flickr

by Marlen Schinko

Marlen ist Yogalehrerin und schreibt regelmäßig über Themen, die sie und ihre Community bewegen. Wenn sie nicht gerade die Welt bereist, lebt und unterrichtet sie in ihrem Studio in Oberösterreich. Mehr von Marlen findest du auf www.yoma.at

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