Aufmerksamkeit in unserer modernen Welt – Ein Interview mit Elena Brower & Erica Jago

Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt

Buch FotoBevor es mit dem Interview los geht, möchte ich mich herzlich bei Elena, Erica und Maren (J. Kamphausen Mediengruppe GmbH) bedanken. Das Buch der beiden Yoginis Elena und Erica “Kunst der Aufmerksamkeit” ist wahnsinnig inspirierend. Um so glücklicher bin ich, dass ich mich mit meinen Fragen an sie wenden durfte. Wenn du das Interview lieber im Original auf Englisch lesen möchtest, dann scrolle einfach ein wenig runter.

Viele Leute denken, wenn sie das Wort „Aufmerksamkeit“ hören sofort an Konzentration. Gibt es deiner Meinung nach einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen?

Erica: Ich würde Konzentration als eine Kraft beschreiben, die aus einem einzigen Fokussierungspunkt entspringt, wohingegen Aufmerksamkeit alle fünf Sinne gleichzeitig miteinbezieht, wie etwa die Hauttemperatur, den wohligen Geruch des Weihrauchs, den beruhigenden Klang des OM und das Erkennen der Schönheit in allen Dingen. Wenn wir alle unsere fünf Sinne gleichzeitig zu fokussieren lernen, können wir ein Gefühl der Ganzheitlichkeit erfahren, in welcher die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu einer energetischen Einheit verschmelzen.

Elena: Ich sehe Konzentration auch eher als einen Zustand an, in dem ich all meine Energie auf einen bestimmten Aspekt meiner Umwelt bündele, während Aufmerksamkeit alles gleichzeitig miteinschließt. Erica hat dies ganz treffend zusammengefasst, Aufmerksamkeit umfasst alles gleichzeitig, die Gesamtheit unserer Sinneswahrnehmung.

Wie können wir dann eurer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit in unsere Yogaroutine integrieren?

Erica: Wir können versuchen, einen kreativen Prozess anzustoßen, der eine gewisse Achtsamkeit in alle Berührpunkte unserer Übungen miteinfließen lässt. Diesen Prozess findet man beispielsweise auch bei Orchesterdirigenten, die genau an den Stellen der Sinfonie, an denen alles zusammenkommt, absolut präsent sein müssen.

Elena: Man muss Dinge Zulassen und Akzeptieren lernen. In dem Moment, in dem ich urteile – egal ob über mich oder über andere – verliere ich meine Fähigkeit das Gesamtbild wohlwollend und vergebend zu betrachten. Wenn ich aber zulassen und akzeptieren kann, erhöht sich meine Aufmerksamkeit für das Wesentliche und ich kann mich besser in meine Übungen vertiefen.

Ich persönlich fühle mich während der Yogaübungen und in den Stunden nach dem Workout immer großartig. Gibt es eine Möglichkeit, dieses Gefühl und den beruhigenden, fokussierenden Effekt, den Yogaübungen auf mich ausüben, auch über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten?

Erica: Nimm die Klangvibrationen der Mantras immer dahin mit, wohin du gehst. Versuch es mal mit Waheguru Wahe Jio von Snatam Kaur. Ich liebe den Teil bei ca. 8 Minuten, wenn sie im triple time Tempo singt – wer hätte gedacht, dass Snatam rappen kann!

Elena: Ich mache während der Übungen kleine mentale „Schnappschüsse“ meiner Gemütszustände. Die Momente, in denen ich mich am ruhigsten und sehr ausgeglichen fühle bewahre ich somit, um sie später wieder aufrufen zu können, wenn ich einer schwierigen Situation gegenüber treten muss. Ich versuche dann, mich in Konfliktsituationen genau in diesen entspannten, positiven Zustand zurückzuversetzen.

Wie hat Yoga für euch persönlich Körper und Geist verändert? In welchen Bereichen kann man von Yoga profitieren?

Erica: Mein Körper hat sich besonders dadurch verändert, dass ich mutiger geworden bin. Ich habe gelernt, den Dingen, die mir überstellt sind und die vielleicht viel größer sind als ich selbst, furchtlos gegenüber zu treten und besonders die Dinge, die ich erreichen möchte, auch einzufordern. In meinem Training ging es vor allem darum, jede noch so kleine Energiequelle zu erkennen, fühlbar zu machen und anzunehmen. Dies verhilft mir zu einer positiven Einstellung und tiefer Zufriedenheit.

Elena: Ich stimme Erica voll und ganz zu! Mehr Mut, weniger Angst und Unsicherheiten, dafür mehr Willensstärke, meine Träume und Visionen für mich und für die Welt zu bewahren und auch zu verfolgen.

Seien wir ehrlich: Das Leben kann manchmal echt hart sein. Habt ihr ein paar schnelle Tipps und Tricks, die für Menschen in schwierigen Lebensphasen hilfreich sein können?

Erica: Ich habe ein Marmeladenglas, das ich als Behältnis für meiner Wut verwende. Immer wenn ich wütend werde oder mit schwierigen Emotionen konfrontiert bin, schreibe ich meine Gefühle auf einen Zettel, stecke ihn in das Glas und drehe den Deckel zu. Dadurch kann ich diese negativen Gefühle beherrschen, buchstäblich ihrer „Herr werden“. Ich nehme mir dann vor, mich mit diesen Gefühlen nur in Situationen zu beschäftigen, in denen ich mich absolut sicher fühle, etwa wenn ich mit meinem Lifecoach zusammenarbeite oder im geschützten Rahmen meiner Familie. Das Glas erinnert mich daran, meine Wut zu beherrschen, bis ich mich selbst präsent und sicher genug fühle, mich damit zu beschäftigen.

Elena: Absolut! Ich liebe Ericas Wutglas, das werde ich auch mal probieren!

Hast du auch eine bestimmte Inspirationsquelle?

Erica: Das Meer. Ich habe das große Glück direkt am Strand leben zu dürfen. Ich kann das Meer direkt von meinem Wohnzimmerfenster aus sehen. Einmal bin ich stundenlang allein im Meer geschwommen, habe mich treiben lassen, bin getaucht und habe gelacht. Das Meer ist für mich der perfekte Ort, um den Kopf frei zu kriegen.

Elena: Mir hilft dabei auch mein Sohn, als Ansporn für mich selbst, da ich für ihn gern ein gutes Vorbild der Ausgeglichenheit und Gelassenheit sein möchte. Meine Familie ist sehr wichtig für mich, sie hilft mir dabei, der Mensch, der ich für sie sein möchte zu werden. Ich habe den großartigsten Mann der Welt, mit dem ich mein Leben teilen kann und der mich zutiefst inspiriert. Und meine Arbeit natürlich, ich liebe das, was ich tue und meine Studenten motivieren mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie unterrichte.

Jetzt muss ich einfach fragen: Hast du eine Lieblings-Asana?

Erica: Setu Bandha Sarvangasana, die Schulterbrücke mit Block. Das ist die perfekte Gegenübung für meine Schreibtischarbeit, sanft auf den Schultern liegend, während das Blut zurück in meinen Kopf fließen kann.

Elena: Lotus. Das ist mein Rückzugsort, mein geschützter Raum. Obwohl ich immer noch weiter daran arbeite, noch besser darin zu werden und die Übung zu verfeinern, um mich noch wohler zu fühlen.

Hier ist das Interview für euch im Original auf Englisch

When people hear attention, they often refer to it as concentration. Is there a difference between those terms?

Erica: Concentration is the power that comes from a single point of focus, while attention involves all 5 of our senses; the temperature of the skin, the smell of frankincense, the sound of OM, and selectively seeing beauty in all things. Focusing on all 5 brings a sense of totality that includes the past, present and future, all coming into the energy of One.

Elena: I see concentration as devoting myself to one specific aspect of what’s around me – while attention encompasses all of it. Erica said it best – the totality. The field. Attention holds space for all of it.

How do we integrate more attention in our yoga practice?

Erica: By design. We use a creative process that prompts thoughtfulness into all of those touch points in our practice. It’s like orchestrating a symphony and then being present for those potent moments when the entire experiences comes into union.

Elena: By allowing and accepting. The moment I judge – whether I’m judging myself or someone/something else, I lose my ability to attentively see the bigger picture with ease and grace. When I allow and accept, my attention is enhanced and I feel more connected to my practice.

Personally, I feel super good on the mat – and a few hours after the practice. How can we prolong the calming, focusing effect of yoga on our mind, when we can’t exercise every day?

Erica: Bring the sound vibration of mantras wherever you go. Try Waheguru Wahe Jio by Snatam Kaur. My favorite part is 8mins in where she sings triple time – who knew Snatam could rap!

Elena: When I’m practicing, I take little mental snapshots of my states. The moments when I feel most soft and quiet, I know that is something I can use later when something challenging arises. So I try to really remember that state when I feel confronted or in conflict with myself.

How did yoga change your body and mind? In what areas can a person benefit from it?

Erica: My body changed as a result of holding more courage. I became fearless in the face of something much larger than myself and learned how to ask for what I want. My training involved seeing, feeling and speaking to the subtlest of energies, consistently and doing it with an attitude of pleasure.

Elena: What Erica said! More courage, more fearlessness, more willingness to hold space for my dreams and visions for myself and for the world.

Let’s face it: life can be hard sometimes. Do you have some quick tips that help people in tough times?

Erica: I have a glass jar on my alter that serves as a container for my anger. When I become enraged with difficult emotions, I use the boundaries of this glass jar to write down my circumstance and put a lid on it. From there, I agree to only speak to the emotions when I’m in the safe place; i.e. in the room with my life coach or in a sacred ceremony with family and friends. The container tells me not to disown my anger but learn how to contain it and save the healing for when I feel fully present and safe.

Elena: Yes. Breathe. And I love Erica’s jar for her anger. I’m going to try that myself!

What sources of inspiration do you have?

Erica: The ocean. I have the privilege of living directly on the beach. I can see the ocean from my living room. One day stands out in my mind when I swam in the ocean for hours, by myself, floating, diving and laughing. This is where I go when I need to expand.

Elena: I have my child and the vision for who I want to be for him, as his example of equanimity. I have my family and the vision for who I want to be with them. I have the most incredible man with whom I share my life and he inspires me to live in my highest creativity. And my work – I love what I do and my students lift me up every time I teach.

I just have to ask: Do you have a favourite asana?

Erica: Supported Bridge pose with a block. It is the perfect counterpose to my desk work; soft on my shoulders and a rush of blood to the head.

Elena: Lotus. It’s my container, my refuge, my bliss, my place. Still refining and becoming more comfortable there.

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