5 (psychologische) Tricks für Yogalehrer

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Ich bin 19 und laufe. Ich komme zu spät zu meinem Yogakurs. Als ich endlich umgezogen den Raum erreiche, sitzt die Gruppe bereits entspannt am Boden. Ich setze mich dazu, mein Herz klopft schnell und ich bin noch ganz außer Atem. „Schließt nun für einige Minuten die Augen“, sagt die Yogalehrerin.

Ich schließe die Augen und fühle mich unwohl mit meinen Körperempfindungen. Ich denke daran, dass ich direkt davor keinen Kaffee trinken hätte sollen, dass ich wünschte, ich wäre nicht zu spät gekommen und dass ich gerne die Zeit gehabt hätte, mich einzufinden.

Meine Gedanken sind zu schnell, ich bin nicht entspannt. Ich mache die Augen auf und schaue mich um. Eine andere Kursteilnehmerin hat ihre die Augen ebenfalls geöffnet und lächelt mich an. „Schließt die Augen“, wiederholt die Yogalehrerin. Heute fällt mir das schwer, ich fühle mich unruhig und kann es kaum erwarten, mit den Übungen zu beginnen.

Diese Szene hat sich vor fast zehn Jahren abgespielt.

Meine Liebe zu Yoga ist geblieben. Nun schließe ich auch gerne die Augen. Und trinke nicht mehr so viel Kaffee.

Als Psychologin interessiere ich mich sehr für das Zusammenspiel von Yoga und Psyche.

Yoga eignet sich sehr gut, um eine Besserung bei zahlreichen psychischen Krankheitsbildern zu erzielen: Bei Depressionen, Angststörungen, Burnout, Posttraumatischer Belastungsstörung sowie Schlafproblemen.

Gerade bei Angstpatienten führt eine längere regelmäßige Yogapraxis zur Ausschüttung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA). GABA dämpft die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn und senkt zusammen mit der Muskelentspannung Panikreaktionen. Den gleichen Effekt haben Beruhigungsmittel.

Beim Yoga gibt es hingegen keine Nebenwirkungen.

Doch an diesen Punkt muss man erst einmal kommen. Der Anfang einer Yogapraxis gestaltet sich für psychisch (und körperlich) beeinträchtigte Personen schwierig. Es gibt einiges, was Yogalehrer beachten können, um ihre Schüler zu unterstützen. Allen voran das Bewusstsein, dass wir alle verschieden sind und alle etwas anderes brauchen:

Der achtsame und individuelle Umgang mit den Yogaschülern ist eine Kunst.

5 (psychologische) Tricks für Yogalehrer

1Offene Augen anbieten

Die Aufforderung zum Schließen der Augen zu Beginn einer Yogaklasse, bei der Endentspannung sowie bei Meditationsübungen im Allgemeinen kann gerne umformuliert werden:

„Schließe die Augen oder konzentriere dich mit offenen Augen auf einen Punkt am Boden. Wie es dir angenehmer erscheint. Bleib ganz bei dir.“

Gerade zu Beginn einer Yogapraxis kann dies eine Erleichterung darstellen, denn geschlossene Augen bedeuten Kontrollverlust. Die Konzentration auf den eigenen Körper ist ein heilsames Element der Meditation, es ist aber in Ordnung, sich erst schrittweise an diesen Punkt zu trauen. Die offenen Augen zu Beginn vermitteln ein Gefühl von Kontrolle über die Situation (Selbstwirksamkeit) und können, besonders bei Ängsten, Halt geben.

2Eine Fluchtmöglichkeit bieten

Mit diesem Punkt beziehe ich mich gleichermaßen auf Panikpatienten, wie auf Personen, die an körperlichen Erkrankungen leiden. Ein Yogakurs dauert meist 90 Minuten. Dieser lange Zeitraum kann viele Personen vorab abschrecken:

„Was, wenn ich nicht so lange durchhalte? Was, wenn ich eine Angstattacke bekomme und schnell raus muss? Was werden die anderen denken? Wie peinlich! Ich gehe lieber nicht hin.“

Für beide Personengruppen bietet die Gewissheit, dass es eine „Fluchtmöglichkeit“ gibt, Erleichterung. Und mehr Mut, mit Yoga zu beginnen.

Man kann also zu Beginn der Yogastunde klar vermitteln, dass es jederzeit möglich ist, den Raum zu verlassen – ohne gefragt zu werden, weshalb. Hier kann man anbieten, dass ein Yogaschüler dezent die Hand heben kann, wenn er dem Yogalehrer zwischendurch etwas mitteilen möchte. Ansonsten kann man ihn ungefragt gehen lassen.

Vielleicht gibt es die Möglichkeit, sich für einige Minuten in einen schönen Pausenraum zurückzuziehen und dann eventuell wieder zu kommen?

Manche Personen brauchen kleine Schritte und schaffen zu Beginn nur eine halbe Stunde. Und das ist in Ordnung.

3Zettel für individuelles Ausrichten

Diesen Tipp habe ich in der Beschreibung eines Yogastudios gelesen und fand ihn sehr sinnvoll.

Gerade bei Anfängern ist es wichtig, dass Yogalehrer ihre Schüler bei einer falschen Ausrichtung korrigieren, um Haltungsschäden vorzubeugen.

Doch nach traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit kann sich nicht jeder Schüler entspannen, wenn er plötzlich und unaufgefordert angefasst wird, egal wie sanft das passiert. Die Aufforderung „Darf ich dich anfassen?“ klingt jedoch auch merkwürdig und könnte Scham mit sich bringen beziehungsweise den Gedanken: „Da kann ich doch nicht Nein sagen!

Deswegen hat ein Yogastudio in Amerika die Tradition eingeführt, kleine Kärtchen vor der Matte jedes Yogaschülers zu platzieren, auf denen sie JA oder NEIN ankreuzen können. Die Antwort sieht der Yogalehrer auf den ersten Blick und kann ohne nachzufragen ausschließlich verbale Hilfestellungen bei der Ausrichtung geben.

Durch diese Möglichkeit wurde übrigens nach einigen Wochen bei vielen Yogaschülern aus einem NEIN ein JA, da sie Vertrauen zu ihrem Yogalehrer und ein Gefühl der Geborgenheit entwickelt haben. Dieser Übergang wurde von manchen Yogaschülern als heilsam erlebt.

4Die Wortwahl ermutigend gestalten

Die Wortwahl während der Gestaltung eines Yogakurses ist ein wichtiges Element. In einem Kurs, den ich persönlich gerne besucht habe, betonte die Yogalehrerin immer wieder, dass wir stolz darauf sein können, in den Kurs gekommen zu sein.

Sie sagte, wenn wir eine Übung noch nicht perfekt ausführen können, würde es genügen, sie uns mental vorzustellen. Dadurch stehen die Yogaschüler nicht unter Druck und überfordern sich zu Beginn nicht.

Außerdem hatte meine Yogalehrerin Recht, denn Gedanken formen das Leben. Bei vielen Musikern zeigen sich im Gehirn bei der bloßen Vorstellung des Musizierens die gleichen Effekte, wie wenn sie wirklich üben würden. Das gleiche gilt für Profisportler, die gerne mit Mentaltraining arbeiten.

Yogaschülern Mut zu machen, sie zu loben und ihnen Respekt entgegen zu bringen, kann auf einige sensible Personen im Raum eine ganz besondere Wirkung haben: Denn einige haben sich vielleicht aus einer depressiven Stimmung heraus aufgerafft, um in den Kurs zu kommen, andere sind trotz Ängstlichkeit erschienen.

Als Yogalehrer können wir nicht hinter die Fassade unserer Schüler blicken und deswegen sollten wir allein ihre Anwesenheit und Bereitschaft, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, wertschätzen und anerkennen.

5Vor Überforderung schützen

Ich würde es schön finden, mehr spezielle „psychologische“ Yogakurse einzuführen, die sanft sind, nicht zu lange dauern und all die oben erwähnten Möglichkeiten bieten. Die ein Gefühl von Menschlichkeit vermitteln und Angst vor Perfektion abbauen.

Man kann Yogaschüler darauf hinweisen, dass es sanfte Yogaarten gibt, wie das Therapeutische oder Restorative Yoga. Damit kann man erreichen, dass jeder den individuell passenden Yogakurs findet, denn als Yoganeuling landet man vielleicht in einem dynamischen „Power Yoga“ Kurs ohne zu wissen, dass es Alternativen gibt.

In diesem Artikel habe ich auch gelesen, dass man auf Personen, die an Essstörungen leiden, besonders achten sollte, da sie sich manchmal absichtlich überfordern. Dies könnte auch für Menschen gelten, die an Burnout leiden und Perfektion anstreben. Hier bedarf es besonderes Feingefühl und Menschenkenntnis.

Monika Szelag

Moni ist Psychologin, Reisende, Bücherwurm und Yogaschülerin. Sie lebt in Wien und gründete Anfang 2015 die Informationsplattform <a href="http://my-free-mind.at"> My Free Mind</a>. Dort schreibt sie unter dem Namen Freigeist über ganzheitliche Psychologie und Aufklärung zum Thema Psychopharmaka. Sie ist überzeugt davon, dass Yoga einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit hat.

5 thoughts on “5 (psychologische) Tricks für Yogalehrer

  1. Diana says:

    Liebe Moni,

    dein Beitrag berührt mich sehr und er spricht das an, was vermutlich viele (gerade Betroffene!) denken, fühlen und wünschen – und ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich rede. Genau DAS ist der Weg, den ich als angehende Yoga-Lehrerin einschlagen möchte/werde!
    Es gibt viel zu viele Lehrende, die noch zu wenig Empathie, zu viel Leistungsanforderung und zu wenig Sprach-Bewusstsein in die Stunden bringen und Yoga dadurch von seiner Ursprünglichkeit abnabeln. Schade und eine Chance zugleich.
    Alles Liebe und danke für diesen tollen Beitrag!
    Diana

  2. Moni says:

    Danke für deine Worte liebe Diana, ich freu mich, dass der Artikel positiv bei dir ankommt und noch mehr, dass du dir eine Ausbildung bzw. einen Yogaunterricht in diese Richtung überlegst. Davon werden sicher viele profiteren! Liebe Grüße, Moni

  3. Sybille says:

    Das ist ein echt guter Artikel. Hat mir sehr gut gefallen, weil mich das Thema Yoga und Psychologie sehr interessiert, da ich selbst betroffen bin. Du hast einige Sachen geschrieben die ich gerne bei meinem Yogastart erfahren hätte, aber zu wissen, dass das beim Yoga möglich ist, ist auch schon sehr schön. Ich habe auch das „Problem“, dass ich auch wenn ich meine Auge schließe, sie immer noch leicht geöffnet sind. Selbst Zuhause fällt mir das auf. Kontrollverlust, wie recht du hast. Obwohl mir das in dem Moment dann nicht bewusst ist.
    Am besten gefällt mir aber: „Den gleichen Effekt haben Beruhigungsmittel.
    Beim Yoga gibt es hingegen keine Nebenwirkungen.“

  4. Moni says:

    Liebe Sybille!
    Danke für dein Feedback.
    Meiner Meinung nach, kann man das mit dem Augenschließen kreativ umgehen: Zum Beispiel den Blick auf eine Kerze oder ein Mandala richten – und dabei die Augen offen lassen. Es geht ja nur darum, bei sich selbst zu bleiben, zu entspannen, die Gedanken schweifen zu lassen. Augen zu muss gar nicht das Ziel sein.
    Yoga ist wirklich wunderbar bei psychischen Beschwerden, ich bin begeistert, dass das immer mehr erforscht und wissenschaftlich belegt wird!
    Liebe Grüße, Moni

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