Blindfold Yoga: Augen zu und durch

Hast du schon einmal in deiner Lieblingsasana einfach die Augen geschlossen? Nein? Dann probier es das nächste Mal, vielleicht sogar bei Blindfold Yoga, aus – und lass die Augen zu, bis du dich aus Savasana wieder aufrappelst. Warum? Das erzähl ich dir in diesem Artikel.

Es ist ein paar Monate her, dass ich in der Berghaltung auf meiner Matte stand, die Hände zum Namasté faltete, die Augen schloss – und sie weder in dem darauffolgenden Sonnengruß, noch im Kopfstand oder Krieger wieder öffnete. Erst als ich nach Savasana im Schneidersitz saß, blinzelte ich vorsichtig wieder meiner Umgebung zu. Es war nicht geplant, es passierte einfach so. Und es tat so gut!

Diese eine Stunde brachte meine Asanapraxis auf ein ganz neues Level. Getragen von meinem Atem floss ich förmlich wie von selbst durch die Bewegungen, ich konnte plötzlich jeden Zentimeter meines Körpers ganz bewusst spüren – ohne es darauf anzulegen hatte ich in diesem Moment meine erste Erfahrung mit Blindfold Yoga gemacht.

1Blindfold Yoga: Mit geschlossenen Augen sehen lernen

Wir leben in einer durch und durch visuellen Welt. Unser Geist ist darauf ausgerichtet, Menschen und Dinge, zumindest im ersten Moment, nach ihrem äußeren Erscheinungsbild zu beurteilen. Auch uns selbst beurteilen wir viel zu oft nach Äußerlichkeiten und viel zu selten nach unseren inneren Werten und Gefühlen.

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Das Praktizieren von Yoga sollte unsere Aufmerksamkeit zwar eigentlich genau dort hinlenken – in uns Selbst – aber mal ehrlich: In einer Yogastunde fällt es uns vielleicht ein paar Minuten leicht uns auf unseren Atem zu konzentrieren, bis wir den perfekten Handstand der Yogini neben uns, den durchtrainierten Körper des Yogis vor uns und das niedliche Tanktop der Dame in der ersten Reihe entdecken. Und schon sind wir uns selbst, oder besser gesagt unserem Ego, nicht mehr gut genug.

2Blindfold Yoga: Pratyahara – Oder: Sinnlos werden um dich selbst zu erreichen

Wenn du aber mit verbundenen Augen, also blindfolded, praktizierst, sind all diese visuellen Dinge nicht mehr da.
Natürlich ist es schön und wundervoll, dass wir sehen können und wir sollten dankbar dafür sein. Doch wenn wir uns für eine Weile diesen einen Sinn ‚wegnehmen‘, können wir unsere Aufmerksamkeit ganz auf uns Selbst, auf unseren Körper, unsere Gefühle, unser Innerstes richten.

Im Yoga nennt sich dies Pratyahara – das Zurückziehen der Sinne. Es ist eine der Ashtangas, der Acht Stufen im Yoga und gilt als Teil der Meditation. Im Wesentlichen geht es darum, anstatt jeder Sinneswahrnehmung, jeder Emotion und jedem Gedanken zu folgen, sich von seinen Sinnen loszulösen und seine Aufmerksamkeit nach Innen zu richten – denn von Innen kommt die ganze Kraft. Von Innen kommt alles, was du brauchst.

„Don’t care about how it looks, care about how it feels“ – Daniel Scott

Vor einiger Zeit hörte ich von Daniel diesen Satz, der mich seitdem begleitet. Wie sehr diese Aussage auf Blindfold Yoga zutrifft, wurde mir erst in dem einen Moment auf meiner Matte klar. Natürlich geht es bei den Asanas auch um eine gute Ausrichtung, um Verletzungen vorzubeugen bzw. diese zu vermeiden. Aber in erster Linie geht es darum, wie sich unser Körper in einer Asana anfühlt. Jeder Körper ist anders und einen steifen Rücken in eine Rückbeuge á la Zirkusschlangenfrau zu zwängen, nur damit es so aussieht wie auf all den Bildern in den Social Media Plattformen und Zeitschriften, wird sich weder gut anfühlen noch ist es gesund.

Sobald wir also unsere Augen schließen und mit Blindfold Yoga starten, können wir uns noch bewusster darauf konzentrieren, welche Bewegungen in welcher Intensität gut und richtig für unseren Körper sind. Wir können Dinge fühlen, an denen unsere Aufmerksamkeit mit geöffneten Augen vorbeigegangen wäre. Wir lernen mit unseren Händen, unseren Ohren, mit jeder Nervenbahn in unserem Körper zu sehen und gewinnen dadurch mehr als nur neue Perspektiven und Erkenntnisse: Wir gewinnen an Vertrauen in uns Selbst und unseren Körper. Wir lernen loszulassen, uns zu befreien von ‚So-Muss-Das-Sein‘ und kommen hin zu ‚So-Ist-Das‘. Wir lernen uns selbst noch ein Stück weit besser kennen.

Also, worauf wartest du noch? Ab auf deine Matte und: Augen zu und durch!:

Namasté, Sabrina

Sabrina

Sabrina ist Yogalehrerin, Autorin und Lebenskünstlerin. Sie liebt es, sich kreativ auszutoben, unvergessliche Momente in Bildern und Texten lebendig werden zu lassen und im Herzen der Natur zu leben. Yoga hat ihr Leben verändert und das gibt sie nun in ihren Yogakursen und auf ihrem Blog (www.mutwaerts.at) an andere weiter.

5 thoughts on “Blindfold Yoga: Augen zu und durch

  1. Gabi says:

    Wie gut es tut, genau diesen Post zu lesen 🙂 Dachte ich doch, Mensch erzähl das bloss niemand .. bei meiner tgl.Praxis kommt es immer öfter vor, dass ich das Gefühl habe, ich will nur noch spüren und nicht mehr sehen.. und irgendwann ist der Punkt wo die Augen auch wieder mitmachen wollen.. ich gebe mich dem Flow hin und bin ganz bei mir.. und es ist gut so wie es ist, weil alles andere ist nur Streben nach dem, was andere tun

    • Sabrina says:

      Liebe Gabi,

      vielen Dank für deinen Beitrag. Schön, dass du dieses „Fühlen“ in deine tägliche Praxis einbringst, und ich stimme dir vollkommen zu: Es hilft einem einfach dabei, ganz bei sich zu bleiben 🙂

      Alles Liebe,
      Sabrina

  2. Blog.Yogastudios.at says:

    Eine Hatha Yoga Stunde mit verbundenen Augen hatte ich mal vor einigen Monaten im Yogastudio meines Vertrauens. Eine neue Erfahrung. Schön, man ist aufmerksamer zu sich selbst. Man ist achtsamer mit den Asanas. Würde ich jederzeit wieder machen

  3. Anonymous says:

    Hi Sabrina! Echt super der Beitrag! Das gleiche hatte ich schon voriges Jahr, am Berg ausprobiert1
    Da wird man von nixxxxx, abgelengt!! :-)))))

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