Ein Bericht mitten aus einem Vipassana Retreat in Sri Lanka

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Unsere Gastautorin Saddia berichtet heute wieder aus Sri Lanka. Schon im letzten Beitrag hat sie ihr Insiderwissen über die Ayurveda-Kur weitergegeben. Heute geht’s um ein Vipassana Retreat – umgangssprachlich bezeichnet man dies als „Schweigetherapie“.

Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet soviel wie „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“. Vipassana wurde in Indien vor über 2500 Jahren von Gotama, dem Buddha, wiederentdeckt und von ihm als ein universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten, als eine Kunst zu leben gelehrt. Diese jedem frei zugängliche Technik, die nichts mit Religion oder Weltanschauung zu tun hat, strebt die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich vollkommene Befreiung an. Heilung, jedoch nicht nur Heilung von Krankheiten, sondern das umfassende Geheiltwerden von menschlichem Leiden ist ihr Ziel.“

Vipassana Retreat: „Es war sehr ruhig. Nur Vögel hörte ich zwitschern.“

Angekommen im Meditationstempel atmete ich erst mal tief durch. Ich hatte eine stressige und vor allem schweißtreibende Bustour von Colombo Pettah nach Kanduboda hinter mir. 5.000 Rupien zahlte ich am Empfang als Donation, gab mein Handy, Geld, Bücher, alles was mich ablenken könnte ab und ging mit meinem Kulturbeutel und Nachthemd in die Tempelanlage hinein. Ein schmaler Gang, umgeben von Blumenbeeten führte in den buddhistischen Tempel für Frauen.

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Offensichtlich schneite ich pünktlich in die Meditation Advice hinein, die täglich von einem Mönch zwischen 2:00 PM – 4:00PM gehalten wurde. Die Nonnen und Vipassana Teilnehmerinnen saßen um den Mönch herum auf dem Boden, während der Mönch auf einem Stuhl Platz nahm. Mich erinnerte die Situation an eine Schulklasse in Indien, wo der Lehrer draußen in der Natur seinen Unterricht durchführte. Kurz gestört, schauten mich alle an, vertieften sich aber dann wieder in die Rede des Mönches. Eine Nonne nahm mich an die Hand und führte mich zu meinem Zimmer. Die Tempelanlage war offengehalten, es gab im Wesentlichen 3 Gebäude. Ein Gebäude, wo die singalesischen Frauen unterkamen, einen Bereich für die Foreigner, also für so Leute wie mich, und einen Essensbereich mit einem zusätzlichen großen Raum für die Gruppen Meditation. Ansonsten gab es viele Sitzgelegenheiten in der Natur, auf Bänken oder auf dem Boden an groß gewachsenen Bäumen. Fast an jedem Baum hingen 1-Mann-Mosquito Netze, unter denen man während der Meditation Schutz fand. Es war sehr ruhig. Nur Vögel hörte ich zwitschern. So also flüsterte auch die Nonne, als sie mir versuchte mit gebrochenem Englisch zu erklären wie ein typischer Tagesablauf in einem buddhistischen Tempel aussah.

Sie zeigte mir, wo ich Handtücher, Bettzeug und weiße Kleidung fand – in der Vipassana ist man stets ganzheitlich in weiß gekleidet, die Farbe weiß symbolisiert Reinheit und Klarheit. Ich zog mich um, richtete mein Zimmer her und meine erste Reise in die Vipassana Meditation begann.

Vipassana Retreat: … und plötzlich war ich mittendrin

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Ich fühlte mich noch etwas verwirrt – plötzlich war ich mittendrin aber wusste so wenig was auf mich zukam. Ich fühlte mich auch etwas alleine gelassen, jetzt begann alles, plötzlich war ich im Hier und Jetzt wie noch nie zuvor.

Ich gewöhnte mich schnell an die Stille, an die Vögel, die zwitscherten, an die Ruhe und meine Gedanken. Die Uhr schlug 19:00 PM und meine erste Gruppen Meditation begann. Ich erwartete eigentlich, dass die Gruppen Meditation ausgerufen oder ähnliches wurde. Stattdessen passierte alles in Stille. Jeder Meditationsstudent ging sehr langsam und vor allem achtsam in den Gruppenraum. Ein Raum, mit vielen Sitzkissen und Buddha als Statue am Kopf des Raumes und ohne, dass jemand die Gruppen Meditation einläutete, waren wir auch alle schon mitten drin. Alle fingen an Mantras zu singen, niemand hatte mir gesagt, dass Mantra Singen Teil der Gruppen Meditation ist, noch kannte ich ein einziges Mantra. Ich hörte zu. Immer noch verwirrt, lies ich den Augenblick auf mich wirken.

Ich erinnere mich genau, dass ich mich ziemlich hilflos empfand, obwohl nichts passierte, passierte eigentlich so viel.

Plötzlich bist Du in der Vipassana Meditation mit vielen anderen Meditationsstudenten, die ein gemeinsames Ziel haben, nämlich die Vipassana Meditation. Mit einem Ziel verbindest Du aber auch einen Weg und Outcome aber was zur Hölle war denn überhaupt mein Outcome? Ich merkte, dass ich in etwas rein geraten war, ohne zu wissen, was ich erwartete. Dann fragte ich mich, ob es nicht genau „der“ buddhistische Weg war, einfach etwas zu machen ohne Erwartungen zu haben? Vielleicht aber für mich fühlte es sich sehr fremd an. Die Gruppen Meditation war nach einer Stunde vorbei aber ich fühlte mich schlechter als vorher. Ich war während der Meditation sehr unaufmerksam, ich bewegte mich ständig und mich störte auch, dass andere sich weniger bewegten als ich. Ich merkte, dass ich mich verglich, warum können sich andere weniger bewegen als Du?

Im Nachhinein denke ich, dass das mein erstes Lessons Learnt aus der Meditation war: Hör auf dich mit anderen zu vergleichen.

Der Abend verlief weiter unspektakulär, ich war alleine, immer noch in einer sehr beobachteten Stellung, wenig fokussiert auf Meditationserfolge. Ich denke, ich begriff auch noch nicht, was Meditation für mich überhaupt bedeutete.

Vipassana Retreat: Tag 2 oder – Wo war denn nur der Gong?

Der nächste Tag startete damit, dass ich verschlief. Um 4:00 Uhr morgens trafen sich alle Meditationsstudenten, um sich gemeinsam in der Gruppen Meditation zu üben. Üblicherweise wirst Du mit einem „Gong“ geweckt – ich habe ihn einfach nicht gehört und wurde nur wach, weil eine Foreigner um 5:00 Uhr an meine Tür hämmerte. Ich bin ein absoluter Morgenmuffel aber war dankbar, dass ich geweckt wurde. Ich wusch mich schnell und bereitete mich auf das Frühstück vor.

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Interessanterweise gab es eine Rangordnung beim Frühstück. Wir trafen uns alle draußen vor dem Essraum. Am Kopf ging immer eine Nonne, anschließend folgten die Forreigner und erst dann gingen die singalesischen Frauen. Neben mir gab es nur eine Foreigner, die aus Holland kam. Als sie mich weckte erzählte sie mir von der Rangordnung. Auch wenn „Reden“ strickt verboten war, war ich ihr sehr dankbar für die Information. Denn ich konnte die Rangordnung für mich nicht verständlich machen und so ging die Nonne vorweg, die Holländerin folgte und ich blieb einfach stehen. Ich wollte niemanden den „Platz wegnehmen“, nur bewegte sich niemand und so bewegte ich mich nach einer 10 Sekunden Künstlerpause dann doch und alle 25 singalesischen Frauen folgten mir. Ehrlich gesagt war ich irritiert.

Meine zweite Lessons Learnt war: Akzeptiere deine Umgebung.

Angekommen in dem Essraum, wurden wir von Frauen aus dem anliegenden Dorf mit Essen versorgt. Es gab fast 5 Gänge, Reis, Cracker, unterschiedliche Gemüsesorten und noch Nachtisch in Form von Gebäck oder Obst. Bevor wir mit dem Essen begannen, hielt einer der Nonnen eine Rede auf Singalesisch. Ich verstand natürlich nichts und wartete einfach bis die Rede vorüber war. Anschließend begannen wir zu essen. Ich beobachtete die anderen Frauen. In Sri Lanka isst man mit den Händen, auch den Reis. Ich wollte nicht auffallen, also versuchte ich auch den Reis mit Händen zu essen. Es gelang mir sehr gut. Während ich nach rechts und links schaute, waren alle Meditationsstudenten vertieft in ihrem Essen, was mir wiederum zu denken gab.

Meine dritte Lessons Learnt war: Genieße den Moment.

Es hört sich so einfach und albern an aber ich habe mein Essen noch nie bewusster zu mir genommen wie in der Zeit der Vipassana Meditation. Ich bin auch tendenziell jemand, die alle 2h essen kann und war total überrascht, dass die wenigen Mahlzeiten (2 pro Tag: morgens 6:15 Uhr und mittags: 11:15 Uhr) absolut ausreichend für mich waren. Wenn ich den Gedanken sogar weite spinne, habe ich gelernt, wie gut anpassungsfähig man ist, wie einfach man sich gewöhnen kann und wie wenig man eigentlich braucht. Ich hatte tatsächlich zu keinem Zeitpunkt ein Hungergefühl. Es war eine Anpassung, die ich absolut spektakulär fand, weil wie häufig macht man sich Gedanken über’s „Essen“.

Insgesamt war ich bloß 4 Tage dort, es war also eine kurze Vipassana. Doch selbst die 4 Tage haben mir etwas gegeben, es waren keine „neuen“ Erkenntnisse, vielmehr habe sich meine Erkenntnisse nur nochmal gefestigt. Es gibt auch nicht den großen Life Change, von denen viele berichten aber ich nehme meine Erfahrung mit und denke auch noch gerne an die Zeit zurück.

Ich werde auch sicher nochmal eine Vipassana Meditation machen und wer weiß schon, welche Erkenntnisse ich dann daraus ziehe?
Falls Du auch mal eine Vipassana gemacht hast, dann interessieren mich deine Top 3 Erkenntnisse, egal wie einfach und banal sie sind. Aber es sind ja meist die kleinen Dinge, die große Veränderungen hervorbringen.

Deine Saddia

Saddia-Kiran Malik

Mein Name ist Saddia, bin 34 und habe nun seit 10 Jahren als Unternehmensberaterin gearbeitet. Jetzt hab ich meinen Job gekündigt und möchte mich gerne mit meiner kleinen Business Idee <a href="http://catchawish.de/">„Catch a wish - heute mal anders“ </a>selbstständig machen. Bei der Idee geht es um Erlebnisabenteuer verknüpft mit Healthy Habit Ansätzen.

2 thoughts on “Ein Bericht mitten aus einem Vipassana Retreat in Sri Lanka

  1. Nives says:

    Hi Saddia,
    danke für deinen Bericht über deine Vipassana-Erfahrung in Sri Lanka. Ich habe über Silvester ein Vipassana-Retreat in Niederösterreich gemacht und bin sehr begeistert davon zurückgekehrt. In meinem Fall war es sicherlich ein bißchen angepasster an den „westlichen Standard“ als bei dir, was ich für den Einstieg aber ganz gut fand (5-tägiger Retreat mit fixem Anfang und Ende für alle Teilnehmer, Aufstehen „erst“um 06:00 Uhr und 3x am Tag Essen ).

    Es fällt mir schwer, die wichtigsten Erkenntnisse auf nur 3 herunterzubrechen, aber ich werde es versuchen 🙂

    1. Je mehr du im Hier & Jetzt lebst, desto intensiver und bewusster nimmst du den Moment wahr und die Zeit scheint langsamer zu vergehen.
    2. Wenn du achtsam lebst, siehst du plötzlich Dinge, die immer schon da waren, dir aber nie aufgefallen sind, weil du sonst ständig abgelenkt bist. Sowohl an deiner Umgebung als auch an dir selbst.
    3. Meditieren kann ganz schön anstrengend sein. Beim Vipassana meditierst du quasi den ganzen Tag, was mir anfangs echt zu schaffen gemacht hat (Müdigkeit). Aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man sehr viel davon raus und kann sich einiges für den Alltag mitnehmen.

    Ich freue mich schon auf mein nächstes Vipassana!

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