Yoga für Surfer: Wie du die Philosophie im Wasser lebst

Wahrscheinlich hast Du es schon öfter gehört: Yoga und Surfen sind die perfekte Kombination, denn beides erfordert ein ausgesprochenes Maß an Stärke und Flexibilität. Das ist richtig, aber trotzdem wird Yoga hierzulande meist nur auf seine körperlichen Vorteile reduziert. Dabei ist Yoga viel mehr!

Yoga, als Ganzes, ist ein Lifestyle und nicht nur körperliche Ertüchtigung.

Yoga als Ganzes gesehen, also als Lebenskonzept, besteht aus insgesamt acht Gliedern:

  • Yamas: Dies sind die Prinzipien ethischen Verhaltens, die wir jeden Tag befolgen sollten, unabhängig davon, ob es sich um Beziehungen zu anderen Menschen dreht, oder zu uns selbst.
  • Niyamas: Sie sind die inneren Übungen, die uns dabei helfen zu wachsen und uns Selbstdisziplin und innere Stärke lehren, die es für die persönliches Entwicklung auf dem Weg des Yoga braucht.
  • Asanas: Da sind sie: die physischen Übungen bzw. die Yoga-Posen, die jedem beim Wort Yoga sofort ins Gedächtnis springen, der Teil also, den unsere westliche Welt hauptsächlich unter Yoga versteht.
  • Pranayama: Das ist die Kontrolle des Atems, der quasi unsere Lebenskraft darstellt und im Yoga „Prana“ genannt wird.
  • Pratyahara: Hier geht es um die Disziplinierung der Sinne, was in unserer modernen Welt mit all der Informationsflut wichtiger denn je ist.
  • Dharana bedeutet Konzentration. Und sei Dir sicher, davon wirst Du jede Menge benötigen, um Dich auf den nächsten Zweig vorzubereiten: Dhyana.
  • Dhyana ist Meditation, der aktive Prozess den Geist zu beruhigen
  • Samadhi ist pure Glück: oder sagen wir das Ziel unserer Yoga-Praxis – die Erleuchtung erlangen.
  • Nach dieser kurzen Einführung in die acht Zweige lass uns herausfinden, was sie für einen Surfer bedeuten und wie du sie in dein Leben als surfendes Individuum integrierst.

    Yoga fuer Surfer Sonne

    1Yoga für Surfer: Ahimsa

    Ahimsa bedeutet buchstäblich „töte nicht“ oder „verletze niemanden“. Der Gedanke geht aber noch weiter im Sinne von verletzenden Gefühlen, Gedanken, Worten oder Handlungen gegenüber andere oder sogar gegen dich selbst. Und ja, Ahimsa ist auch der Grund dafür, warum viele Yogis auch Vegetarier sind.

    Wie man Ahimsa als Surfer lebt:

    In den überfüllten Line Ups nimmt die aggressiver Stimmung mehr und mehr zu. Anstatt die gemeinsame Zeit im Wasser einfach zu genießen, schreien sich Surfer mehr und mehr nur an. Damit schaden sie anderen genauso wie sich selbst. Jeder von uns hat mit seinen Ängsten und Problemen zu kämpfen – und so stoßen nunmal eine Menge Egos dort draussen im Wasser aufeinander. Dennoch: sei höflich zu den Menschen die Dich umgeben. Sprich Fremde ruhig einfach mal an, grüße jeden der ins Wasser paddelt oder an dem Du vorbeipaddelst – ohne einen Unterschied hinsichtlich Surf-Level, Geschlecht oder Nationalität zu machen. Genieße die Zeit, in der Du gemeinsam mit anderen (Freunde wie auch Fremde) Wellen teilen darfst und lerne, diese Momente wertzuschätzen.
    Wenigstens der Ozean sollte noch ein Ort des Friedens sein

    Auf der anderen Seite solltest du dir selber auch keine Schuld geben oder Vorwürfe machen, wenn Du Dich nicht so schnell entwickelst, wie du es Dir eigentlich wünscht – wenn du zum Beispiel deine Manöver nicht stehst. Übe einfach weiter. Ein schönes Zitat zum Thema Fortschritte machen kommt von meinem Lieblings-Yoga-Lehrer:

    „Wenn Du die Avocado ernten möchtest, pflanze den Samen“

    Also: Nichts geht von heute auf morgen. Am allerwichtigsten ist es, auch beim Üben im Moment zu bleiben und sich den Spaß so zu erhalten.

    Ein weiterer Punkt ist die Gewaltlosigkeit auf der körperlichen Ebene. Du solltest immer auf die Gesundheit anderer achten. Riskiere diese nie aber auch nie, indem du beispielsweise deinen „coolen“ Cutback durchziehst, obwohl jemand Millimeter von dir entfernt gerade einen Duckdive macht. Als Anfänger solltest du immer in der Lage sein, dein Brett zu kontrollieren. Also sei Dir sicher, dass Du auch wirklich damit umgehen kannst – und zwar von dem Moment an, in dem Du ins Wasser steigst, bis zu dem, an dem Du Dir das Wetsuit wieder abstreifst. Dräng dich selbst nicht dazu, an Spots in Wellen zu gehen, für die du eigentlich noch nicht bereit bist, denn so könntest Du Dir und anderen eher schaden. Alles was wir sagen oder tun hat einen dreifachen Effekt. Um außen eine Veränderung herbeizurufen, müssen wir tief in uns drinnen anfangen. Sich der eigenen Schwächen und Grenzen bewußt zu sein, ist schon ein großer Schritt in Richtung emphatischem Verhalten gegenüber anderen.

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    2Yoga für Surfer: Satya

    Satya bedeutet streng genommen “Wahrheit” oder „nicht lügen“. Satya zu praktizieren bedeutet ehrlich zu sein, in seinen Gefühlen, Gedanken, Worten und Taten. In anderen Worten: ehrlich sich selbst und anderen gegenüber zu sein.

    Wie man Satya als Surfer lebt:

    Das wohl am meisten verbreitete Beispiel kennen wir alle: Viele Beginner wollen ein Shortboard, obwohl es zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich noch nicht die richtige Wahl für sie ist. Mich selbst zähl ich auch dazu. Vor Jahren wechselte ich einfach zu früh auf ein Shortboard und ich weiß, es wäre besser gewesen, die Entwicklung zunächst auf einem größeren Board zu machen, zumindest für ein paar Wochen. Obwohl sie sich dessen tief im Inneren bewußt sind, belügen Sie sich selbst und glauben, mit dem Shortboard bereits entsprechend umgehen zu können. Klar, es sieht cooler aus. Doch sind sie sich selbst nicht ehrlich gegenüber und tun sich damit keinen Gefallen. Der Shaper Nuno Matta aus Caparica erwähnte dieses Problem ebenfalls neulich.
    Anstatt sich einzugestehen, dass sie ein Board nehmen sollten, dass eher dem eigenen Level entspricht, werden sie aufgrund des länger andauernden Lernprozesses schnell frustriert sein. Und diese Frustration wird auch ihre Umgebung beeinflussen – da haben wir ihn wieder: den Ripple Effekt.

    Das Gleiche gilt für die Spot-Auswahl: Öfter sieht man Leute in Line Ups sitzen, bei denen man bereits am Paddeln erkennen kann – da gehören sie einfach noch nicht hin. Auch hier sollte jeder ehrlich zu sich selbst sein: Bin ich wirklich bereit für diesen Spot? Für diese Welle? Kann ich sie händeln, oder sitze ich hier und blockiere eher andere, bin ein Hindernis für sie und werde frustriert, weil ich keine einzige Welle bekomme; während andere Surfer mich anstarren und nur die Stirn runzeln? Du kannst immer mit anderen über Deine Ängste reden, oder darüber, dass Du Dich in dieser ungewohnten Umgebung mit all den neuen Bedingungen und Eigenchaften des Spots nicht wirklich wohl fühlst.

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    Meine Lehrer während meiner Lehrer-Ausbildung in Indien: Deepak Yowala and Sudhir Rishi.

    3Yoga für Surfer: Asteya

    Asteya bedeutet „Nicht stehlen”. Ein Thema, das jeder verstehen sollte: Nimm nichts, was dir nicht gehört. Dies bezieht sich sowohl auf materielles als auch auf geistiges Eigentum. Es bedeutet auch, nicht die Menschen zu enttäuschen, die Vertrauliches mit Dir geteilt haben. Asteya resultiert daraus, dass einem etwas fehlt: Der Glaube, dass man materielle Dinge oder Äußerlichkeiten braucht, um wirklich glücklich zu sein. Dies führt zu einer Gier, die deinen Verstand in absolute Unruhe bringt.

    Wie man Asteya als Surfer lebt:

    Der ärgerlichste Teil beim Surfen heutzutage: Die Leute werden teilweise so gierig, dass sie sneaken und Wellen stehlen, die den Regeln nach eigentlich ihrem Gegenüber gehörten. Das ist oft der Hauptgrund, der eine entspannte Atmosphäre im Wasser plötzlich in einen Ort voller Aggression und Wut verwandelt – und das ist doch eigentlich absolut unnötig. Manche Leute scheinen unzufrieden mit sich selbst zu sein und fühlen sich besser, wenn sie dem Rest der Gruppe den Spaß nehmen (ja, hier geht´s wieder ums Stehlen), die doch einfach nur Wellen und Atmosphäre im Line Up genießen will.

    Am besten ist es doch, wie bereits erwähnt: genießt es, Wellen zu teilen – auch mit Menschen, die Du nie zuvor getroffen hast. Ich weiß, es ist hart auf die nächste Welle zu warten, selbst an guten Tagen – aber versuche es. Es kann auch Spaß bedeuten – vielleicht sogar noch mehr, wegen der kollektiven positiven Vibes, die sich so im Line Up verbreiten.
    Auch nicht besser sind die Leute, die die ganze Zeit reindroppen, Wellen stehlen und mit dem Verhalten die Gesundheit anderer gleichzeitig riskieren. Es gibt genug Wellen für alle. Lasst uns die Zeit im Wasser gemeinsam genießen und nicht gegenseitig den Spaß verderben. Lasst uns nicht das Verhalten an den Tag legen, wie große Nationen es tun, wenn sie einen Krieg starten nur um mehr Land oder Bodenschätze zu gewinnen.

    4Yoga für Surfer: Brahmacharya

    Wir üben Brahmacharya, wenn wir unsere Energie bewusst dazu nutzen unsere wahre Natur auszudrücken. Wir lenken sie weg externen Verlangen und stattdessen dahin inneren Frieden zu finden und Glück in uns selbst.

    Wie man Brahmacharya als Surfer lebt:

    Indem man zum Kern des Surfens kommt, die Zeit genießt, die wir draußen im Ozean verbringen, Wellen reitend, um unseren Geist zu leeren. Indem man im Kontakt zur Natur ist und nicht mit anderen wettstreitet oder seine tägliche Frustration übers Leben auslebt. Eigentlich sollte Surfen als eine Mediation gesehen werden, um die schlechten Dingen, die da draußen vorgehen, loszuwerden und näher zu sich selbst kommend zu bemerken, dass so viele Dinge eigentlich nicht so wichtig sind, wie wir dachten.
    Zur gleichen Zeit wird Surfen immer mehr und mehr kommerzialisiert.Mittlerweile reiten unzählige Marken und Produkte auf der Welle des „Surf-Lifestyles“. Aber gerade hier schau einmal selber, ob Du Dich wirklich „labeln“ musst, damit andere Dich als Surfer wahrnehmen. Denn der der Du bist, das ist nicht Dein Äußeres. Nur weil man beispielsweise ein Quicksilver Shirt trägt ist man nicht gleich ein coolerer Mensch oder besserer Surfer.

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    5Yoga für Surfer: Aparigraha

    Aparigraha bedeutet nicht einfordern, was nicht unseres ist. Es ist eine Art Nicht-Anhaftung, frei von Verlangen zu sein. Andere nicht auszubeuten. Anders als Asteya, das uns auffordert nichts zu stehlen, was aus Habgier getrieben ist, bezieht sich Aparigraha auf die Gier, die hauptsächlich durch Eifersucht entsteht. Im Kern hilft Aparigraha dabei, unser „wahres Selbst“ zu entdecken, so dass wir nicht länger den Wunsch nach dem haben, was jemand anderes besitzt, oder so sein zu wollen wie jemand anderes.

    Wie man Aparigraha als Surfer lebt:

    Konzentriere dich auf dich selbst. Vergleiche dich im Wasser nicht ständig mit anderen, gerade wenn jemand anderes besser surft als du. „Bleib auf deiner eigenen Matte“ wie es so schön im Yoga heisst. Denn wenn du Dich ständig vergleichst, entsteht der Wunsch jetzt genauso gut surfen zu können, wie die anderen und das wird Dir eher die Freude an dem Moment nehmen. Halte deinen Blick lieber nach innen gerichtet. Arbeite an deinem eigenen Surf-Skills und freue dich über die kleinen Verbesserungen, die du Welle für Welle machst.

    Andererseits solltest Du auch nicht gierig sein. Oft sieht man Surfer, die eine Welle surfen um dann gleich direkt zurück an die erste Position im Peak paddeln und sich die sofort die nächste Welle zu nehmen, auch wenn eigentlich der nächste im Line Up dran wäre. Es ist ihnen absolut egal. Entgegen der Regeln drängeln sie sich vor, ohne drauf zu achten, dass die Welle eigentlich jemandem anderen gehören würde. Anstatt jede Welle an sich zu reissen, schaut einmal wieviel Spaß es machen kann, Wellen abzugeben und zu sehen, wie diese sich über die Welle freuen. Im Aparigraha geht es auch darum, nicht an materiellen Dingen zu haften.

    Im Surfen führen die meisten von uns bereits ein simples Leben mit wenigen Dingen, aber man kann natürlich immer noch weiter gehen. Frag dich selbst: Brauche ich wirklich das fünfte paar Sonnenbrillen? Das 30ste T-Shirt, den 10ten Neoprenanzug, ein weiteres Board, zu dem ich mir noch ein weiteres Board besorge. Generell gilt, ein Leben, das diesen Yamas folgt, bildet die Grundlage für unsere innere Suche, die uns erst komplett macht.

    Ich will hier auf keinen Fall einen Kreuzzug starten, sondern habe einfach mal meine Gedanken und Interpretationen dazu runtergeschrieben, wie man die Yamas und Niyamas (auf die ich demnächst nochmal eingehe) in das Leben eines Surfers integrieren kann.

    Was denkt ihr? Hinterlasst gerne Eure Meinung in den Kommentaren und lass uns disktutieren! Dieser Artikel erschien auch als Gastbeitrag auf Wanderlust.

    Du willst noch mehr von Thomas lesen? Dann schau doch mal auf seinem Blog Get Wet Soon vorbei. Ab und zu bietet er sogar Yoga-Surf-Retreats an!

Thomas Zielinski

Thomas Zielinski hat Design und Fotografie studiert und arbeitet derzeit als Freelance Texter, Fotograf und Yogalehrer (mit Base in Hamburg) an unterschiedlichsten Orten, die sich in Meeresnähe mit Wellengarantie befinden. Im Februar 2016 startete er das Blogzine GET WET SOON mit dem er seine Passion für die Fotografie und das Schreiben kombiniert. Auf GET WET SOON dreht sich alles um Yoga, Surfen, Reisen und Spiritualität. Seine Beiträge wurden bereits auf THE INTERTIA, WANDERLUST.COM, YOGANONYMOUS, SURFERSMAG und PRIME SURFING gefeatured. Gerade hält er das zweite GET WET SOON Surf- und Yoga-Retreat in Bali ab.

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