Tagebuch eines reisenden Yogalehrers – TEIL 15

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir befinden uns im Gerichtssaal der Vernunft, und nicht irgendwer, sondern ich selbst bin angeklagt. Gerade sehe ich den Richter wie er sich über seinen Tisch beugt und sagt, nein, ruft: ´Angeklagter! Sie waren nichtsnutzig, träge und haben sich auf unerhörte Weise der Faulenzerei hingegeben! In Kürze: Sie haben sich nicht recht auf ihre Yogareise vorbereitet. Was haben Sie zu sagen?` Ich zucke zusammen. Hat er recht? Anstatt in ein Zen-Kloster zu gehen, wie jeden Frühling, habe ich den Termin auf Dezember verschoben; und lag stattdessen eine Woche am Strand und tat nichts. Einen Verteidiger, außer mein gutes Bauchgefühl, hatte ich nicht; und so versuchte ich den Richter folgendermaßen zu beruhigen. ´Sehr geehrter Herr Richter, wie recht Sie haben. Eine gute Praxis ist Grundlage einer jeden Lehrertätigkeit, insbesondere der Tätigkeit als Yogalehrer. Aber ist es nicht auch das Nichtstun selbst? Die Faulenzerei? Das in der Sonne liegen?` Der Richter wurde zornig: ´Erklären Sie sich!` Ich sagte: ´Was gibt es zu erklären? Das Nichtstun spricht für sich selbst. Ich führe zunächst alle Befürworter des Nichtstuns ins Felde, welche mir gerade in den Sinn kommen; da ist Bertrand Russel, der sagt, es entstehe zu viel Unheil aus dem Glauben, Arbeit sei tugendhaft. Oder Marcus Tullius Cicero: „Der ist nicht ein freier Mensch, der sich nicht auch dem Nichtstun hingeben kann.“ Und Laotse selbst sagt: „Im Nichtstun bleibt nichts ungetan.“

La Dolce Far Niente

Alles gesunde Menschen. Ist nicht die Gesundheit Basis einer guten Lehrertätigkeit? Vielmehr als das ständige Üben? Wer zu viel übt, versteift, und es fehlt ihm der Blick für die schönsten Dinge des Menschseins. Auch glaube ich, dass man sich im vielen Üben verlieren kann! Darum erwählte ich den Strand des Nichtstuns, vielmehr als das Kloster. Ich gelobe, im Dezember zu gehen, und meinen Schülern das Beste weiterzugeben.` ´Das wäre was?` ´Nichts, Herr Richter. Denn was gibt es über die Welt zu lernen, was sie nicht selbst schon in sich tragen? Und ich nur derjenige bin, um es aus ihnen herauszukitzeln? Wäre für dies Kitzeln nicht ein Feingefühl erforderlich, und dies erwerbe man sich am besten im Müßiggang, welcher, laut manchen Arzte, die Zellen auffrischt, den Blick neu orientiert und die Kreativität fördert?` Der Richter beriet sich mit anderen vernünftigen Leuten, zu einem Schluss kamen sie nicht. Endlich waren drei Stunden vergangen und ein Urteil gefällt. Man gewährte mir Aufschub und wollte sehen, wie meine Reise verläuft. Ich sollte dem Richter alle zwei bis drei Wochen einen Bericht erstellen, aus Kroatien, Italien, Schweiz, Österreich und Monaco, dort wo ich gerade unterrichten würde. So wollte er sehen, ob ich nicht doch gute Arbeit ausführen könne … –

Ein Strand nahe Istrien.

Seit dieser kleinen Gerichtsverhandlung in meinem Kopf plagt mich ein wenig das schlechte Gewissen. Ich habe noch eine Woche frei und verbringe sie am Strand mal mit Nichtstun, mal mit leichten Übungen; dazu kommt meine tägliche Praxis von sechzig Minuten Meditation, welche ich das ganze Jahr über betreibe. In acht Tagen beginnt der Auftakt der Yogareise, lieber Leser; hoffen wir, das Nichtstun hat mich gut darauf vorbereitet … – Es grüßt Sie schön, von seiner ersten Station in Kroatien, Ben, Yogalehrer und Schriftsteller.

[yellowbox]Ben ist gerade in fünf Ländern als Yogalehrer unterwegs und schreibt dabei regelmäßig für Asanayoga.
Teil 1 seiner Reise findest du hier, Teil 2 der Reise kannst du hier lesen, hier sind Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9,
Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13 und Teil 14. Folgt Ben außerdem auf seinen beiden Websites: als Yogalehrer & als Schriftsteller.[/yellowbox]

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