Tagebuch eines reisenden Yogalehrers – TEIL 11

Liebe Freundin, lieber Freund, ein Café ist der schönste Ort, um seine Yogapraxis auszuüben. Man sitzt, zurückgelehnt oder nach vorne gebeugt, an einem kleinen Tisch, folgt seinem Atem und den Menschen, die ein- und ausspazieren. Der Blick ist dabei urteilsfrei und man betrachtet um des reinen Betrachtens willen. Gelegentlich nippt man an einer Tasse Espresso, nicht unbedingt an einem Tee, und beißt vielleicht in ein Macaron, ein kleines, französisches Gebäck. In der Haltung des Faulenzers ist es schließlich möglich auf neue Gedanke zu kommen, Frische in seinem Geist zu spüren und das Herz für alles willkommen zu heißen, was in einer scheinbaren Zukunft bereit liegen mag.

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In diesem Wohlgefallen des Augenblicks reißt einen der Lärm einer Bohrmaschine heraus! Man wendet sich ab, übt Gleichmut. Sobald das Geräusch verklungen, oder abgetaut (denn alle modernen Geräusche wirken auf unser Ohr kaltherzig), richtet man seine Wirbelsäule auf und greift geruhsam nach seinem Tässchen Espresso. Die Beine hat man entweder überschlagen, in einem Viertel Lotus Sitz, oder man sitzt gar nicht, sondern steht an einem der runden Tische, an welche sich der Körper hervorragend anlehnen mag. Die Schwere des Körpers führt zu einem höheren, inneren Wohlgefühl und man ist bereit einen zweiten Espresso zu bestellen, ein zweites Macaron, und anschließend, mit neuem Leben, das Café zu verlassen.

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Das Café Procobe in Paris. Dichter und Denker gehen seit dem 17.Jahrhundert ein und aus. Es gilt als das älteste Kaffeehaus der Welt.

Wird das Café nicht zur Yogamatte des Großstadtmenschen, wo sich all seine Sinne wie Bänder dehnen und entspannen? Ein Ort der Ruhe, des freien Betrachtens und Sitzens? Ich höre da jemand sagen: ´Das Café ist nicht der geeignete Ort für einen Yogi. Denn beim Sitzen versteifen seine Hüften.` Aha. So möchte ich ihm gerade das, was er als Waffe einsetzen will, erwidern: ´Wer allzu gelenkig ist, der soll sich bei Macarons und Espressi entspannen, auf einem harten Holzstuhle, drei Stunden, und schlicht warten bis sein Körper ermattet und versteift. Ist Versteifung nicht Genesung für den, welcher sich zu viel in Yogaräumen bewegt?` – Mit diesem Gedanken entlasse ich Sie in einen hoffentlich unbeweglichen Tag und schicke Ihnen noch eine kleine Geschichte mit dem Titel: Im Café mit Voltaire. Ich schrieb sie, als ich in Paris in einem Kaffeehaus saß; neben mir eine ehemalige Balletttänzerin des Ballet de l’Opéra de Paris, mit überlasteten Bändern und morschen Knien. O ja! Hätte Sie sich nur aufs gute Leben versteift. – Es grüßt Sie schön, Ben, Yogalehrer und Schriftsteller.

Ben ist gerade in fünf Ländern als Yogalehrer unterwegs und schreibt dabei regelmäßig für Asanayoga.
Teil 1seiner Reise findest du hier, Teil 2 der Reise kannst du hier lesen, hier sind Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9 und Teil 10. Folgt Ben außerdem auf seinen beiden Websites: als Yogalehrer & als Schriftsteller.

Ben Rakidzija

Ben ist Yogalehrer und Schriftsteller. Er arbeitet für internationale Hotels, Studios und Yogacenter. Er veröffentlicht Prosa und Poesie, hält Lesungen in Buchhandlungen und auf Literatur-Festivals und arbeitet zur Zeit an einem Roman. Infos über Ben findet ihr auf: timeforsilence.strikingly.com oder daskleinebuch.strikingly.com.

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